Berliner Brandenburger Schriftstellerinnen und Schriftsteller tagen im Fontane-Jahr in Blossin

Ein Erlebnisbericht

Immer dieselben alten und wohlbekannten Elemente: See und Sand und Kiefer und Kussel (Fontane, Wanderungen durch die Mark B.)
…um den großen Wolziger See herum, an dessen Westufer ich in einiger Entfernung unser eigentliches Reiseziel erkannte: Dorf Blossin. Dieses, trotzdem es nur klein und bloßes Filial zu Friedersdorf ist, ist doch nichtsdestoweniger als der Punkt im Beeskow-Storkowschen anzusehn, dem der Ruhm einer eminent historischen Örtlichkeit in erster Reihe zukommt. (dito)

Das Treffen der Berliner und Brandenburger Schriftsteller in Blossin ist wie ein Klassentreffen. Vom 15. bis 17. März 2019 kommt man zum vierten Mal zusammen. Rund 25 Schriftstellerinnen und Schriftsteller reisen an und werden untergebracht in komfortablen Bungalows.

Das Gelände ist ein Traum: die üblichen Brandenburger Kiefern, Sand, Platz ohne Ende, Vogelzwitschern – und der riesig wirkende Wolziger See, man kann ihn durch die Bäume schimmern sehen – und abends lockt Tommys Bar.

Thema des Wochenendes ist die Zukunft des Schreibens im digitalen Zeitalter. Abends hören wir einen Vortrag von Dr. Isabella Hermann von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (http://www.bbaw.de/). Die wissenschaftliche Koordinatorin der interdisziplinären Arbeitsgruppe "Verantwortung: Maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz" fragt „Überholt die Realität die Fiktion?“

Die Diskussionsbereitschaft ist hoch. Immer wieder kommt auch die Finanzierbarkeit des Schreibens zur Sprache. Ein Schriftsteller musste wohl immer schon kämpfen um gesellschaftliche und finanzielle Anerkennung. Theodor Fontane schrieb 1891 in seinem Aufsatz „die gesellschaftliche Stellung des Schriftstellers“: „Die Berühmten und die Unberühmten, Freien und Unfreien, die Romane- und Stückeschreiber, die Journalisten und Essayisten – der armen Lyriker ganz zu geschweigen – alle sind meines Wissens einig darüber: die Stellung eines Schriftstellers ist miserabel.“1)
„Erfolgreich“ sind wenige, Bestseller rar, und doch schreiben auch die anderen weiter, oft unter Umständen, die widriger nicht sein könnten. Denn das Wichtigste ist ihnen der Text und die Notwendigkeit, ihn zu schreiben. „Man hält die Feder hin, wie eine Nadel in der Erdbebenwarte“, schrieb Max Frisch, „und eigentlich sind nicht wir es, die schreiben; sondern wir werden geschrieben“2). Da tut es vielleicht gut, sich nicht so arg wichtig zu nehmen, sondern nur gerade wichtig genug, um nicht zu verzagen. Vielleicht ist es nicht nur schlecht, wenn man noch einen ‚richtigen‘ Beruf hat, Geld verdienen muss. Denn müsste ich mit dem Schreiben Geld verdienen, müsste mein Schreiben sich nach den Gesetzen des Marktes ausrichten. Andererseits fehlt dann Zeit fürs Schreiben. „Zeit ist Anwesenheit“, erkannte der schwedische Dichter Lars Gustavsson, dessen Gedichtband ich als Reiselektüre eingesteckt habe. Es gilt wohl, in dieser Anwesenheit Kompromisse zu schließen. Möglichst saubere. Mit der Zeit. Mit dem Schreiben. Mit dem Leben.

Am nächsten Tag verpasse ich den Sonnenaufgang überm See, geblendet vom Licht, spüre den weichen Waldboden unter den Füßen, freue mich über das Hämmern der Spechte, die ich wie immer nicht finden kann in den Baumwipfeln. Ihr Klang bringt die hohen Kieferstämme ins Wanken. Die Enten flattern knapp über der Wassernabe hektisch ihren Genossinnen hinterher, während die Schwäne würdevoll ihre temporären Spuren in den See schreiben.
Es gibt ein reichhaltiges Frühstück. Auch für diejenigen, die kein Gluten vertragen oder vegan essen möchten, wird gesorgt. Lena Falkenhagen https://www.falkenhagen.de, Bundesvorsitzende des Verbandes deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS), leitet die Diskussion über „Maschine versus Individuum“ an. Als Co-Moderatorin fungiert die Kinderbuchautorin Cally Stronk http://callystronk.blogspot.com. Unter ihrer Führung entsteht eine „Wand des Wahnsinns“ zu Risiken und Chancen des digitalen Wandels.

Für viele ein Reizthema ist das Bestseller-Scoring: Mit künstlicher Intelligenz könne das Start-up Qualifiction 3), nach eigener Aussage mit 70 Prozent Trefferquote einen Bestseller identifizieren, erzählt Isabella Hermann. Nicole Boske, Programmleiterin bei den Digitalen Imprints des Carlsen Verlags, betont, dass es Verlagen nicht nur um Bestseller gehe, sondern um eine Mischkalkulation: Bücher, die sich verkaufen, ermöglichen andere Bücher, die nicht massenkompatibel sind. Ihr Vortrag über das „Berufsbild AutorIn im digitalen Zeitalter“ klärt auf über digitale Publikationsmöglichkeiten: Jede hat ihre Vor- und Nachteile. Auch Selfpublishing und die Chancen digitaler Imprints sind Thema. Der hybride Autor sei im Kommen, meint Boske: „Der der hybride Autor definiert sich darüber, dass er für jeden Text den für ihn passenden Publikationsweg wählt.“ Das habe dann zur Folge, dass er verschiedene Publikationswege für verschiedene Texte wählt. Auch ein „Publikumsverlag“ könne indes keine Bestseller „garantieren“.
Die Paddeltour nach dem Mittagessen fällt ins Wasser: Der wunderbar weiche und milde Blossiner Regen schickt uns auf die Zimmer, nachdem wir zum Trost einen Blick ins Drachenboot und in eine von zwei beeindruckenden Sporthallen mit allen Schikanen werfen durften – von Kletterwand über Skating bis hin zu allem, was man für den Wassersport braucht.
Der Nachmittag gehört der „Rolle der Schriftstellerinnen in der digitalen Zukunft“. Nach dem Abendessen geht es nach Königs Wusterhausen zur Lesung in der Bibliothek.
Am anderen Morgen bin ich früh wach, und die Sonne tut mir tatsächlich den Gefallen, die Wolken beiseite zu schieben, damit ich sie bewundern kann.

                          

„Manche Hähne glauben, dass die Sonne ihretwegen aufgeht“, wusste Fontane. Die Bank am Bahnhof, auf der ich nun sitze, um diese letzten Zeilen zu schreiben, weist auf ein Feld, über das Gänse fliegen. Ihr vielstimmiger Chor flattert mir ins Ohr: Du darfst nicht zu viel wollen. Aber auch nicht zu wenig. Schon gar nicht beim Schreiben. Das und viel mehr habe ich im Jugendbildungszentrum Blossin von den Kollegen (wieder) gelernt – danke!


Text und Bilder: Katharina Körting

Zur Autorin:
Katharina Körting, M.A. phil. (Philosophie, Romanistik Soziologie), M. A. Biografisches und Kreatives Schreiben, lebt in Berlin. Nach Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften sowie dem ersten Roman „Baden gehen“ 2013 erschien 2018 der politische Roman „Rotes Dreieck“. Im April 2019 folgt „Mein kaputtes Heldentum“ bei marta press Hamburg. Die Autorin ist Mitglied im Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS ver.di) und im Netzwerk freie Literaturszene Berlin. Ihr Essay „Flaschenpost“ über Schreiben im digitalen Raum findet sich kostenlos hier:
https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/31-schreibkraft/flaschenpost


1) Theodor Fontane, in: „Das Magazin für Litteratur“, Jg 60,1891, Nr. 52, zitiert nach https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-476-02976-8_1
2) Max Frisch, Tagebücher
3) https://www.buchreport.de/2018/12/28/mit-kuenstlicher-intelligenz-die-spreu-vom-weizen-trennen/?utm_source=buchreport&utm_medium=link&0=utm_campaign&1=lp-gesehen&2=utm_content&3=So+will+Qualifiction+mit+k%C3%BCnstlicher+Intelligenz+die+Spreu+vom+Weizen+trennen


Das Jugendbildungszentrum Blossin freut sich, 2 Gedichte von Autor_innen vorstellen zu dürfen, welche in Blossin dabei waren. Großen Dank an Reinhild Paarmann und Ulrich Grasnick.


Ulrich Grasnick

Wurzelkiefer von Wolzow (II)


Auf so viel Gestern
angehaltner Zeit,
verwehten Sand
zerbrochner Stundenuhren,
stützt sich dein Leben,
voller Wurzelwucht,
als ob es dürstend
eine Quelle sucht.

So viel
in sich verschlungene
Vergangenheit,
ein jeder Ast ein Fingerzeig
auf ihre eigene Verlorenheit,
umringt von so viel hölzernem Gebaren,
hat sich verfangen
im festgedrehten Knäuel
von harten und von weichen Jahren.

Ameisenheere.
unbeirrte Formationen,
im Gegenüber
dieser Wurzelexplosionen,
diesem Chaos ohne Ziel,
ein Ineinanderhocken,
Ineinanderdrängen,
gefangen in zerrissnen Formen,
verbogenen Gelenken
und gebrochnem Ellenbogen.
von Alptraumnächten,
die vorüberzogen.

Du, Zeichen,
wie man mit kaputten Schuhen
in allen Wettern überlebte
ohne auszuruhen.

Kaum ein vergangnes
Glück zu sehen,
zu entdecken,
scheinst immer
nach der Decke dich zu strecken,
gleichst einer Vogelscheuche
die man fürchten kann,
doch keine Baumgelassenheit
wie du,
rührt mich so an.


Reinhild Paarmann

Blossin 2019


Stempel der ausgerissenen Baumwurzeln
liegen am Papier des Waldes;
der Nebel rückt näher,
Regen zertrümmert ihn;
bedenklich schwanken die Stämme,
Kälte bekriecht mich;
im Fenster spiegeln sich Geister-Menschen;
Wind-Berg vom Finken geschlagen,
Schlangenarmäste
winden sich zur Wand mit den
Wellentreppenstufen,
auf denen ein Segelschiff in den
Schriftstellerhimmel fährt.